Kardinal Rainer Woelki

Offener Brief an Herrn Kardinal Rainer Woelki zur Weihnachtsansprache 2017 mit dem Thema „Immobilienspekulation menschenverachtend“

Sehr geehrter Herr Kardinal Woelki,

zum Weihnachtsfest 2017 fand Ihre Predigt vor allem in Form der Passage „Immobilienspekulationen sind menschenverachtend“ großen Widerhall in den überregionalen Medien. Ich würde sogar diese Reaktion vergleichen mit dem Satz des heutigen Papstes „die Wirtschaft tötet“. Kapitalismusbashing ist schließlich en vogue.

Es wird berichtet, dass Sie wörtlich gesagt haben: „…Mehr und mehr Menschen sich Wohnen in unserem an sich wohlhabenden Land nicht mehr leisten können, weil Wohnungen nicht selten ausschließlich zu Renditeobjekten geworden sind und so preiswerter bezahlbarer Wohnraum fehlt. … Das sei zynisch, im Letzten sogar menschenverachtend!“

Natürlich ist es legitim und auch richtig, als Kirchenmann an das soziale Gewissen von Menschen zu appellieren. Besonders glaubhaft ist es dann, wenn man danach selbst lebt. Denn es gilt bekanntlich der Spruch: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Die Fakten:

Im Finanzbericht 2016 des Erzbistums Köln, dem Sie ja vorstehen, werden Immobilien mit einem Bilanzwert von über 600 Millionen Euro ausgewiesen, davon 277 Wohn- und Geschäftsimmobilien. Dass der reale Wert deutlich höher ist, ist den Bilanzrichtlinien geschuldet. In einem Medienbericht des Spiegels aus dem Jahr 2015 wird der aktuelle Wert eines einzigen Mehrfamilienhauses in der Innenstadt von Köln mit 1,4 Millionen Euro taxiert. In diesem Spiegelartikel wird auch die Beteiligung des Erzbistums an 17 Unternehmen herausgestellt, darunter die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft und der Rheinwohnungsbau. Erstere verwaltet rund 25.000 Wohnungen und letztere, an der das Bistum Köln etwa 41,5 Prozent hält, rund 6.000 Wohnungen.

Im einem ARD-Bericht, der heute noch auf YouTube unter dem Titel „Vergelts Gott“ abrufbar ist, wird ausführlich am Beispiel der Immobilien “Dom Forum“ dargestellt, dass die Kölner kirchliche Vermögensverwaltung klassische und legale Steuervermeidungsstrategien über Briefkastenfirmen in Holland wählt. Diese Vorgehensweise ist die von Immobilienspekulanten.

Neben dem Immobilienbesitz des Erzbistums hält sowohl der Erzbischöfliche Stuhl (gemäß einem ZEIT Beitrag aus 2013 verfügt diese Verwaltungseinheit der Kirche einen Besitz von 166 Millionen, rund 10 Prozent in wohnwirtschaftlichen Investments) als auch das Domkapitel separate Real Estate Investments. Wer allein im Erzbischöflichen Stuhl Erträge von fast 10 Millionen Euro (2012) und im Domkapitel von 144.000 Euro (2015) erwirtschaftet, erzielt Renditen, die ihn als Immobilienspekulant auch dort ausweisen.

Hier nun meine Fragen an Sie, verehrter Kardinal Woelki:

Kennen Sie diese Finanzinvestitionen Ihres Bistums vor Ihrer Predigt, wodurch sich das Erzbistum Köln als Immobilienspekulant outet?

Ist deshalb die katholische Kirche in Köln zynisch und menschenverachtend?

Bitte erläutern Sie mir diesen elementaren Widerspruch, den Sie einerseits in der Predigt fordern, andererseits aber in der täglichen Finanzverwaltung Ihres Bistums selbst nicht erfüllen?

Kurz gesagt: Weder tötet die Wirtschaft noch sind Immobilienspekulanten zynisch oder menschenverachtend. Sicher kommt es immer auf die Menschen an, die Verantwortung in Unternehmen und Funktionen tragen. In der Immobilienwirtschaft werden Risiken und Investitionen eingegangen, denen ein bestimmter Ertrag gegenüberstehen muss. In Zeiten schwieriger Marktlagen kommt es nicht selten deshalb auch zu Insolvenzen von Immobilienunternehmen. Und Sie verstehen mich richtig, dass ich dies auch den Vermögensverwaltern der Kirchen zugestehe. Und wenn Papst Alexander VI. über Keuschheit predigte, ist das genauso glaubhaft, wie wenn heute die Kardinäle der Erzbistümer Köln oder München über Armut, Sozialgerechtigkeit oder eben Immobilienspekulation von der Kanzel sprechen.

Die Kirche sollte deshalb durchaus überlegen, auf ihre Privilegien zu verzichten, wie Notargebührvorteile, wie Steuervorteile, wie Verbot von Betriebsräten in kirchlichen Unternehmen usw.. Das wäre weder zynisch und auch nicht menschenverachtend, sondern glaubwürdig.

Wenn ich Zitate wie von Ihnen lese, erinnere ich mich gerne an das Finale des Film „In den Schuhen des Fischers“. Und diese Vision stammt aus dem Jahre 1968!

Ich freue mich auf Ihre Argumente!

Mit freundlichen Grüßen

Edmund Pelikan
Sachverständiger und Publizist für Sachwerte und Investmentvermögen
Gründer der Stiftung Finanzbildung gemeinnützige UG